Hintergründe zur weiblichen Genitalverstümmelung

Unglaublich, aber wahr:

Weibliche Genitalverstümmelung ist nicht, wie mancher zu wissen meint, eine von Männern praktizierte Machtdemonstration gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Es ist eine Frauendomäne! Fast immer sind es Frauen, die den Brauch weiter tragen und praktizieren und, was für mitteleuropäische Ohren noch unbegreiflicher klingen mag: Die Mädchen und Frauen selbst verlangen nicht selten regelrecht danach, beschnitten zu werden. Es geht um Anerkennung, den Wunsch, als Erwachsene geachtet zu werden, Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, ohne die niemand leben kann und die Möglichkeit, zu heiraten bzw. geheiratet zu werden und damit wirtschaftlich abgesichert zu sein.

Wer sich also gegen weibliche Genitalverstümmelung wendet, muss zunächst den Boden kennen, auf dem dieser Kult gedeiht, muss Alternativen aufzeigen, damit die Betroffenen selbst den Wert eines gesunden Körpers erkennen, muss die ökonomischen Zwänge beseitigen, die diesen barbarischen Ritus zum überlebenswichtigen Bestandteil des Daseins von Mädchen und Frauen werden lassen.

Es gibt verschiedene Schweregrade der Beschneidung weiblicher Genitalien. Sie reichen von der Entfernung der Klitorishaube (Klitorisvorhaut, vergleichbar der männlichen Vorhaut) bis hin zur vollständigen Destruktion der Geschlechtsorgane durch massive Gewebsresektion.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat verschiedene Typen weiblicher Genitalverstümmelung klassifiziert:

Typ I (Klitoridektomie)

Hierbei erfolgt die Entfernung der Klitorisvorhaut mit oder ohne Entfernung (von Teilen) der Klitoris (Kitzler). Dieser auch als „Sunnahbeschneidung“ bezeichnete Eingriff ist vom Schweregrad mit einer Beschneidung bei einem Jungen oder Mann zu vergleichen. Der Eingriff ist extrem schmerzhaft, da er, wie auch alle nachfolgend beschriebenen Variationen, ohne Narkose und nicht selten unter massiver Gewaltanwendung (Festhalten) stattfindet.

Typ II (Exzision)

Hierbei erfolgt die Entfernung der gesamten äußeren Klitoris. Außerdem werden die kleinen Schamlippen teilweise oder vollständig weggeschnitten.

Typ III (Infibulation, pharaonische Beschneidung)

Bei der schwersten Form weiblicher Genitalverstümmelung, die auch als Infibulation oder pharaonische Beschneidung bezeichnet wird, werden die äußeren Geschlechtsorgane (Klitoris, Klitorisvorhaut und kleine Schamlippen) vollständig entfernt. Die großen Schamlippen werden teilweise amputiert. Die entstehende große Wunde wird vom Venushügel bis zum After vernäht oder mit Dornen verschlossen. Lediglich eine winzige Öffnung im Bereich der Scheide für Urin und Menstruation wird belassen. 

Trotz der Schwere der Verletzungen, und das mag vor allem männliche Leser verwundern, KÖNNEN derart verstümmelte Frauen Sexualität und Orgasmen erleben, wie Hanny Lightfoot-Klein in ihren Publikationen berichtet. Doch das, was ihnen bleibt, ist bei Weitem keine normale Sexualität und schon gar keine Rechtfertigung oder Verniedlichung derart bestialischer Praktiken.

Typ IV: Verschiedene Praktiken

Hierzu zählen u. a. Einschnitte in die Genitalien, (unfreiwillige) Piercings, das Abschaben von Scheidengewebe oder das Einbringen von Kräutern und ätzenden Substanzen in die Vagina. Dadurch soll eine Vernarbung mit der Folge einer Verengung der Scheide erreicht werden.

Exkurs

In der westlichen Welt hat die Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung einen anderen historischen Hintergrund.

„Bei Mädchen … ist die Behandlung der Klitoris mit unverdünnter Karbolsäure (Phenol) hervorragend geeignet, die unnatürliche Erregung zu mindern."

Diese grausamen Worte stammen von einem Mann mit ebenso vielseitigen wie zweifelhaften Interessen. John Harvey Kellogg (1852 – 1943), Erfinder der Erdnussbutter, Miterfinder der Cornflakes, Arzt und Eiferer gegen jegliche Art der Selbstbefriedigung des natürlichen Geschlechtstriebes hinterließ der Nachwelt im Hinblick auf die sexuelle Aufklärung von Kindern und Jugendlichen kein leichtes Erbe. Kellogg versuchte mit drastischen Mitteln, die aus seiner Sicht unnatürliche Onanie sowohl bei Mädchen, vor allem aber bei Jungen zu unterbinden. Mädchenbeschneidung bis in die 1970er Jahre in den USA auf Kosten der KrankenversicherungU. a. seine Ansichten führten in der Folge zu einer geradezu krankhaften Verteufelung der Masturbation in Nordamerika, die maßgeblichen Anteil daran hatte, dass dort die Beschneidung von Jungen unmittelbar nach der Geburt zur Routine wurde und z. T. immer noch ist.

Auch Beschneidungen von Mädchen wurden von einer amerikanischen Krankenkasse bis in die 1970er Jahre bezahlt. Die Amerikanerin Patricia Robinett erzählt in ihrem Buch "The Rape of Innocence" von ihrer Beschneidung in den 1950er Jahren.
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In manchen Ländern, z. B. in Ägypten und Indonesien, werden Mädchenbeschneidungen von Ärzten in modernen Kliniken unter adäquaten hygienischen und medizinischen Bedingungen unter Narkose durchgeführt. Ein Eingriff in die körperliche und persönliche Selbstbestimmung bleibt es trotzdem.

 

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