„Der Schnitt“ - Ein Buch mit Tiefgang

2009 erschien in Deutschland erstmals ein Sachroman, der sich explizit mit den Themen Phimose, Beschneidung und deren Folgen für die betroffenen Kinder und Jugendlichen befasst. Die wissenschaftliche Kommentierung dazu erstellte im Frühjahr 2010 Frau Dipl.-Psych. Dr. Gabriele Engelhardt (Universität Hamburg).

Den Tod eines kleinen Jungen im Sommer 2006 nahm der auf Arzthaftungsrecht spezialisierte Hamburger Rechtsanwalt Lukas Stoermer zum Anlass, vor allem Eltern für die möglichen körperlichen und psychischen Konsequenzen dieser umstrittenen und oft unnötigen Operation zu sensibilisieren. Zugleich kritisiert er die häufig unzureichende oder gar fehlende ärztliche Aufklärung über alternative Behandlungsmöglichkeiten.

Der Autor begleitet den zu Beginn der Handlung 13jährigen Internatsschüler Manuel ein Stück auf seinem Weg durch Kindheit, Jugend und Erwachsenwerden. Dabei dreht sich alles um die medizinisch völlig sinnlose, dafür aber folgenschwere Beschneidung des Jungen und seines gleichaltrigen Freundes David.
Der Roman zeigt das stille Leid und die Scham nach dem „Schnitt“, Gefühle, über die kaum ein Junge redet.

In den zynischen Taktlosigkeiten einiger Schwestern im Krankenhaus und den teilweise handgreiflichen Erniedrigungen und Demütigungen, die Manuel und David durch ihre Mitschüler erfahren, offenbaren sich erschreckende Parallelen zu den aktuellen Missbrauchsfällen.

Der Roman

Wir schreiben das Jahr 1984. Nach schulischen Problemen und einem gescheiterten „Fluchtversuch“ von zu Hause wird Manuel in ein Internat gesteckt. Die medizinische Aufnahmeuntersuchung dort konzentriert sich seltsamerweise vor allem auf die Genitalien des Jungen und hat mit Achtung der Intimsphäre, Rücksichtnahme und Einfühlsamkeit nichts zu tun. Die Anstaltsärztin diagnostiziert eine Vorhautverengung - peinlich für einen pubertierenden 13jährigen! Doch es soll noch schlimmer kommen:
Manuel hatte bislang noch nie Probleme im Schritt und fühlt sich auch nicht krank. Schmerzen hat er erst jetzt, nach dem brutalen Zurückreißen der Vorhaut durch die Ärztin. Umso heftiger trifft ihn die Ankündigung, ihn umgehend zur Beschneidung ins Krankenhaus zu überweisen.

Nach anfänglichem Aufbegehren fügt sich Manuel in sein Schicksal.

In der nahegelegenen Klinik, in der Jungen offenbar gleich reihenweise beschnitten werden, wird Manuel „von seiner Vorhaut befreit“, wie die Ärztin es ausgedrückt hatte.
Und tatsächlich scheinen sich die Krankenschwestern auf der kinderurologischen Station als „Missionarinnen im Schritt kleiner und großer Jungen“ zu verstehen – Perversion im weißen Kittel. Parallelen zu der in weiten Teilen der USA nach wie vor üblichen Routinebeschneidung neugeborener Jungen sind unübersehbar.

Ein Instinkt sagt Manuel, dass ihm und den anderen Jungen auf der Station Unrecht geschehen ist. Der Verdacht, bestraft worden zu sein, ergreift Besitz von Manuels Denken und Fühlen, das sich von nun an mehr und mehr darum dreht, das „Brandzeichen“ vor anderen geheim zu halten. Wenig später werden dem Teenager ungeahnte Folgen der Operation bewusst: Mit der Vorhaut wurde ihm auch ein erheblicher Teil seiner gerade erst erwachenden sexuellen Erlebnisfähigkeit genommen. Nun versteht er die zynische Häme, mit der eine Schwester die Station als „vorhautfrei“ an ihre Ablösung übergeben hat.

Manuel verbrüdert sich mit David, einem ebenfalls beschnittenen Jungen aus dem Internat. Für das permanente Streben, ihren „Makel“ vor anderen zu verbergen, zahlen die Beiden einen hohen Preis. Sie werden zu Außenseitern und bekommen neben Hohn und Spott nun auch noch massive körperliche und psychische Demütigungen und Erniedrigungen zu spüren. Nur ein Zufall rettet die beiden vor einer regelrechten Vergewaltigung.

Manuel und David erleben sich in der Rolle des Opfers ebenso wie in der des sexuellen Exoten. Die beiden Jungen bekommen die Folgen einer OP zu spüren, die sie ungefragt über sich ergehen lassen mussten und über die andere entweder lachen oder sie als harmlose Nebensache abtun.

„Der Schnitt“ - ein Versuch, die Menschen auf etwas aufmerksam zu machen, das bislang in Schweigen gehüllt und deshalb als völlig normal hingenommen wurde.

 

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